Friedrich Hölderlin: Was bleibt

Impulse eines großen schwäbischen Poeten

Vor 250 Jahren wurde Hölderlin geboren. Was sagt er uns heute?

Gedanken zu seinem 250. Geburtstag

Bild:Pfarrer hätte er werden sollen, so der Plan seiner Mutter. Dichter wollte er sein, darin sah er eine höhere Bestimmung: „Was bleibt aber, stiften die Dichter“. Vor 250 Jahren, am 20. März 1770 wurde Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren. Er durchlief die klassische Ausbildung über die Klosterschulen bis zum evangelischen Stift in Tübingen. Mit dem Christentum seiner Zeit tat er sich freilich schwer. Zu dogmatisch, zu moralisch und zu administrativ kam es daher. Die Größe des Göttlichen hatte es aus dem Blick verloren. In seinen berühmt gewordenen Worten: „Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“ Rettung versprach sich Hölderlin von den alten Griechen. In deren Mythologie fand er eine Einheit des Himmlischen und des Irdischen, die seither verlorengegangen schien. Nicht zuletzt die Aufklärung hatte den Menschen von seinen Ursprüngen abgetrennt und kalter Nüchternheit ausgesetzt. „O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt“. Da war kein Platz mehr für den Himmel. Unter der Verbannung aus dem Paradies leidend, träumte Hölderlin vom Aufstieg zum Olymp. Dort, als letzten der Götter, würde er auch Christus finden. Als Hoherpriester der Worte wollte der Poet Gott und Menschen wieder versöhnen, die Ur-Teilung aufheben, die uns vom Höchsten entwurzelt hat. „Eins zu sein mit Allem, das ist das Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen“.

Er hat sich wohl zu viel vorgenommen, strebte mit seinen Gedanken und seiner Sprache in zu große Höhen. Der die Griechen so liebte stürzte Ikarus gleich in die Tiefe einer langen Umnachtung im Tübinger Turm. Nie hatte er recht Boden unter die Füße bekommen, während die Freunde aus Studienzeiten sich im bürgerlichen Leben etablierten: Hegel und Schelling als Professoren, Rudolf Magenau und Ludwig Neuffer als Pfarrer, letzterer am Ulmer Münster. Hölderlin aber blieb den Jugendidealen treu. Seine Sehnsucht bleibt aktuell – nach Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und Ganzheitlichkeit, nach Gemeinschaft, Schönheit und Sinnhaftigkeit. Seit seinen Tagen wurde die Entfremdung des Menschen von Natur, von sich selbst und vom Göttlichem noch größer. Größer wurde aber auch die schiere Unmöglichkeit, sie zu überwinden. Müssen wir mit Hölderlin resignieren? Sein Griff nach den Sternen fordert uns heraus, nicht zu klein zu denken, sondern Visionen einer besseren Welt zu folgen. Sein Schicksal lehrt uns, die Träume in einem weltzugewandten Realismus zu erden.

Am 20. März 1794, seinem 24. Geburtstag, schrieb Hölderlin seinem Freund Neuffer das folgende Gedicht. Es ist getragen vom Optimismus des Frühjahrs, von Freude an der Natur, von Kraft aus der Freundschaft und Vertrauen auf Gott. Zugleich schwebt über allem das „noch“ des Glücks und die Ahnung, dass es nie ewig währt. Aber gerade das macht menschliches Leben aus, dass es Höhen und Tiefen, Freude und Schmerz kennt und nicht die immer gleiche Sorglosigkeit der Götter. So gelingt es Hölderlins Dichtkunst letztlich doch, uns intensiver leben und lieben, hoffen und glauben zu lassen:

Noch kehrt in mich der süße Frühling wieder,
Noch altert nicht mein kindischfröhlich Herz,
Noch rinnt vom Auge mir der Thau der Liebe nieder,
Noch lebt in mir der Hoffnung Lust und Schmerz.

Noch tröstet mich mit süßer Augenweide
Der blaue Himmel und die grüne Flur,
Noch reicht die Göttliche den Taumelkelch der Freude,
Die jugendliche, freundliche Natur.

Getrost! Es ist der Schmerzen werth dies Leben,
So lang uns Armen Gottes Sonne scheint
Und Bilder beßrer Zeit um unsre Seele schweben,
Und ach! mit uns ein treues Auge weint.



Autor: Dr. Oliver Schütz, Katholische Erwachsenenbildung



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